Der Rhein-Hunsrück-Kreis stand in den vergangenen vier Jahren im Fokus des europäischen Forschungs- und Innovationsprojekts RUSTIK (Rural Sustainability Transitions through Integration of Knowledge for improved policy processes). Im Rahmen der Abschlussveranstaltung vom 29. September 2026 in der Rhein-Mosel-Werkstatt in Simmern wurden die zentralen Erkenntnisse des regionalen „Living Labs“ vorgestellt, das sich intensiv mit der Frage beschäftigte, weshalb zahlreiche Ausbildungsplätze in der Region unbesetzt bleiben, obwohl gleichzeitig viele junge Menschen nach beruflichen Perspektiven suchen.
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Der Rhein-Hunsrück-Kreis hat weniger ein Ausbildungsplatzproblem als vielmehr ein Passungsproblem. Viele Jugendliche können sich grundsätzlich vorstellen, dauerhaft in der Region zu leben und zu arbeiten. Gleichzeitig gelingt es jedoch häufig nicht, junge Menschen und Ausbildungsbetriebe erfolgreich zusammenzubringen. Ursachen sind vor allem unterschiedliche Erwartungen, Informationsdefizite sowie strukturelle Herausforderungen.
Im Rahmen des Projekts wurden umfangreiche Befragungen von Jugendlichen, Arbeitgebern sowie Expertinnen und Experten durchgeführt. Dabei wurde deutlich, dass persönliche Begegnungen, Praktika und direkte Einblicke in Betriebe für die Berufsorientierung eine zentrale Rolle spielen. Viele Jugendliche schätzen ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz geringer ein, als sie tatsächlich sind. Während junge Menschen häufig gute Schulnoten und formale Qualifikationen als entscheidend ansehen, legen Unternehmen vor allem Wert auf Motivation, Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft und persönliche Passung.
Als weiterer Schlüsselfaktor wurde die Mobilität identifiziert. Für viele Jugendliche ist die Erreichbarkeit von Ausbildungsbetrieben eine entscheidende Voraussetzung für die Wahl eines Ausbildungsplatzes. Gerade in einer ländlich geprägten Region wie dem Rhein-Hunsrück-Kreis stellen fehlende Verkehrsverbindungen oder hohe Führerscheinkosten häufig eine Hürde dar.
Darüber hinaus zeigt das Projekt, dass bereits zahlreiche Angebote zur Berufsorientierung und Fachkräftesicherung existieren. Diese erreichen ihre Zielgruppen jedoch nicht immer ausreichend. Familie, Freundeskreis und soziale Medien beeinflussen Berufsentscheidungen oftmals stärker als klassische Informationsangebote. Deshalb besteht großes Potenzial darin, bestehende Maßnahmen besser zu vernetzen und sichtbarer zu machen.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf bislang ungenutzten Fachkräftepotenzialen. Junge Menschen mit Migrationsgeschichte, Geflüchtete oder Jugendliche mit besonderen Unterstützungsbedarfen zeigen häufig ein großes Interesse an einer betrieblichen Ausbildung, benötigen jedoch oftmals zusätzliche Orientierung und Begleitung. Die stärkere Einbindung dieser Gruppen kann einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung und gleichzeitig zur gesellschaftlichen Teilhabe leisten.
Die im Projekt entwickelten Handlungsempfehlungen reichen von einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen über neue Mobilitätsangebote bis hin zu einer gezielteren Ansprache von Jugendlichen und ihren Eltern. Die Erkenntnisse sollen künftig in regionale Entwicklungsprozesse, das Kreisentwicklungskonzept sowie bestehende Initiativen zur Berufsorientierung und Fachkräftesicherung einfließen.
Die Projektergebnisse wurden in einer Podiumsrunde mit Vertretern von Schule, Arbeitgeber, Kreisverwaltung, Wirtschaftsförderung sowie einem Auszubildenden und einer Schülerin diskutiert. Der Key-Note-Rapper Rico Montero fasste den Abend musikalisch zusammen und machte Mut, Veränderungen auf allen Ebenen anzustoßen und Beziehungen zu stärken.
Mit dem Abschluss des regionalen Living Labs endet zwar das Forschungsprojekt, die angestoßenen Lern- und Vernetzungsprozesse sollen jedoch fortgeführt werden. Die beteiligten Akteure sehen in den gewonnenen Erkenntnissen eine wichtige Grundlage, um die Zukunftschancen junger Menschen und die langfristige Fachkräftesicherung im Rhein-Hunsrück-Kreis weiter zu stärken.
Der Abschlussbericht ist auf der Homepage des Regionalrats abrufbar:
Download-Link des RUSTIK-Abschlussberichtes

